Barrandov Terrassen Prag

Architekturfotografie Barrandov Terrassen Prag

Architekturfotografie Prag: Hoch über dem Moldauufer thront wie ein Zeuge vergangener Zeiten der verfallene Komplex des einst beliebten Hotels und Ausflugslokales Barrandov Terrassen. Hier trafen sich in den 1930er Jahren die Schönen und Reichen. Heute wartet die Ruine auf ihre Auferstehung.

Das Film- und Villenviertel Barrandov ist ein alter Stadtteil im Verwaltungsbezirk Prag 5 der Stadt Prag. Mondäne Villen beheimateten hier in den 1930er Jahren den Jetset der Stadt. In den gleichnamigen Barrandov Filmstudios – dem europäischen Pendant zu Hollywood – entstanden unter anderem die Filme Amadeus, James Bond und Pan Tau. In diesem Schmelztiegel der schönen und Reichen wurde 1929 das glamouröse Luxusrestaurant Barrandov Terrassen erbaut. Ungeachtet der Weltwirtschaftskrise entstand hier ein Vergnügungs- und Flanierkomplex für die Reichen und Schönen der Prager Filmszene und High Society. Architekt Max Urban, der auch die benachbarten Barrandov-Studios designed hatte, errichtete im Auftrag von Vaczlav Havel – Vater des späteren Dissidenten, Dichters und Präsidenten Tschechiens, Vaclav Havel – den Bau im funktionalistischen Stil. Als Vorbild diente das ebenso berühmte und beliebte Cliff House in San Francisco. Hotel und Ausflugslokal schmiegen sich eng an die steilen Klippen. Unterhalb fließt majestätisch die Moldau entlang. Eine grandiosere Aussicht könnte man sich nicht wünschen. Wie ein Adlerhorst thronen seine Überreste noch heute hoch über dem Ufer der Moldau und nach wie vor zeugt ihr morbider Charme vom einstigen Glanz der Szenerie. Doch trotz intensiver Bemühungen der Eigentümerfamilie um den ehemaligen tschechischen Präsidenten konnte der berühmte Komplex bis heute nicht wiederbelebt werden.

 

Amerikanisches Vorbild trifft Funktionalismus

Als Vorbild diente Max Urban das berühmte Cliff House vor den Toren San Franciscos, von dem sich Bauherr Vaczlav Havel bei einem Besuch im Jahr 1924 hatte inspirieren lassen. Dessen erster Bau wurde 1858 von Samuel Brannan  aus dem Material eines vor den Klippen auf Grund gelaufenen Schiffes erbaut. 1863 wurde es erweitert und aufgestockt, denn schon damals diente es Tagesausflüglern, Reitern und Kleinwildjägern als beliebtes Ausflugsziel um dem Leben der Großstadt für einige Zeit zu entfliehen. Wechselnde Inhaber, Brände, sowie eine Explosion und ein Erdbeben sorgten dafür, dass das Cliff House immer wieder ein neues Gesicht erhielt. Zuletzt wurde das Gebäude im neoklassischen Stil wieder aufgebaut, der sich an der Basis des heutigen Cliff Houses  noch erkennen lässt. Jedoch war Prag in den 1920er Jahren ein Zentrum funktionalistischer Architektur und so auch das Werk von Max Urban stark funktionalistisch geprägt. Dementsprechend konzipierte Urban die Barrandov Terrassen streng nach der Prämisse „Form Follows Funktion“, der Forderung von Louis Sullivan, dass die architektonische Form ganz aus ihrer Funktion zu entwickeln sei. An die Stelle von Ornament, Dekor oder der Betonung emotionaler Dynamik treten betont sachliche, geradlinige, nüchterne Strukturen. Ein Stahlskelettbau mit grazilen Stützkonstruktionen, flexiblem Grundriss und modularem Aufbau sind Kennzeichen des funktionalistischen Bauens.

Glanz und Gloria

Die 1929 errichteten Barrandov Terrassen dienten ihren Besuchern als Restaurant, Ausflugscafé, Hotel und Lounge. Ein Ort zum Sehen und Gesehen werden. Den Hauptbau konzipierte Max Urban als stark gegliederten Sockel, über den sich ein mehrstöckiger Turm mit großen Fensterflächen und halbrund verglast, erhebt. Dort oben befand sich in frühen Jahren das Kinderzimmer des späteren tschechischen Präsidenten, Vaclav Havel. Großzügige Fensterpartien rhythmisieren die Fassade des Restaurant- und Lounge-Komplexes, sodass Gäste auch vom Gebäudeinnern aus den Blick über das Moldauufer schweifen lassen konnten. Draußen ermöglichte ein lang gestreckter, über Terrassen angelegter Freisitz entlang der gesamten Abbruchkante mondänes Speisen bei atemberaubender Aussicht. Bis zu 3.000 Plätze fasste der Restaurantbetrieb. Doch bunte Sonnenschirme und Pflanzrabatten zwischen den Sitzreihen sorgten trotz der Masse an Besuchern für das richtige Maß an Privatsphäre. Unterhalb des Freisitzes führte ein heute zugewucherter Weg die Felsen hinunter zum Schwimmbad. Mit seiner 50-Meter-Bahn, dem zehn Meter hohen Sprungturm, Tribünen, Liegeflächen und Platz zum Flanieren war es eines der modernsten – und sicherlich auch schönsten – in ganz Europa. Wie auch das Hotel lieferten die damals weißen, heute jedoch leider ergrauten und übersprayten, funktionalistischen Formelemente aus Beton einen ästhetisch überaus ansprechenden Kontrast zu den dahinter liegenden dunklen Felsformationen.

Mondäner Treffpunkt für Stars und Sternchen

Nicht nur die Gebäudestruktur, auch das Nutzungskonzept des amerikanischen Vorbildes ließen Havel und Urban in Prag neu auferstehen. Und die tolle Lage sowie fantastische Aussicht der Barrandov Terrassen zogen massenhaft Besucher an. Ruhetage gab es nicht. Die Prager Hautevolee ließ sich von der stagnierenden Wirtschaft nicht daran hindern, hier ihren mondänen Lebensstil zu pflegen. Kein Wunder, denn nur einen Steinwurf entfernt befanden sich die schon damals berühmten Barrandov Filmstudios. Die Filmstadt gehört zu den grössten und ältesten Studios der Welt. Seit den 1930er Jahren wurden dort mehr als 2.500 tschechische und internationale Filme gedreht, von denen mehrere einen Oscar oder andere internationale Auszeichnungen erhielten. So war es nur natürlich, dass die Stars und Sternchen aus Prag hier ein und aus gingen.

Niedergang einer Institution

Heute lässt sich der einstigen Glanz nur noch erahnen. 1939 marschierten die Nazis in Prag ein und funktionierten die Barrandov Terrassen zum Flak-Stützpunkt um. Mit dem Einzug der Kommunisten auf dem Hradschin wurde der Komplex 1948 verstaatlicht, das Hotel bewusst dem Verfall überlassen. Der Rezession zum Trotz wurde der Betrieb dennoch wieder aufgenommen und lief erfolgreich wenn auch gediegener noch bis 1994. Als das Gebäude dann leer stand, nisteten sich Obdachlose ein. Einbrüche, Diebstähle und Vandalismus sowie die Witterung trugen ihr Übriges zum Verfall des beliebten Ausflugslokales bei. Nach der Samtenen Revolution bekamen zwar der nun amtierende Präsident Vaclav Havel und sein Bruder Ivan das Anwesen 1992 im Zuge einer Restitution zurück. Doch der Kapitalbedarf für eine Renovierung konnte von der Familie nicht gestemmt werden. Anteile wurden an ein Baukonsortium sowie einen unbekannten Investor verkauft. Dann verhinderte jedoch die Finanzkrise die für 2014 geplante Wiedereröffnung. Heute umringt ein Bauzaun das einstige Juwel funktionalistisch-moderner Architektur. Eine gewisse Hoffnung besteht also, dass die Barrandov Terrassen wie ihr amerikanisches Vorbild wieder auferstehen dürfen.

Das Architekturfotografie-Projekt ist im Rahmen einer BAUWERK Dokumentation entstanden.

 

Architekturfotografie Barrandov Terrassen Prag

Architekturfotografie Barrandov Terrassen Prag

Architekturfotografie Barrandov Terrassen Prag

Architekturfotografie Barrandov Terrassen Prag

Architekturfotografie Barrandov Terrassen Prag

Architekturfotografie Barrandov Terrassen Prag

Architekturfotografie Barrandov Terrassen Prag

Architekturfotografie Barrandov Terrassen Prag

Architekturfotografie Barrandov Terrassen Prag

Architekturfotografie Barrandov Terrassen Prag

Architekturfotografie Barrandov Terrassen Prag

Architekturfotografie Barrandov Terrassen Prag

Architekturfotografie Barrandov Terrassen Prag

Architekturfotografie Barrandov Terrassen Prag

Weitere Informationen zum Architekturfotografie-Projekt:

Barrandov Terrassen bei Moldauwellen
Barrandov Terrassen früher und heute