Torfhaus Austur Medalholtum

Architekturfotografie Torfhaus Austur Medalholtum

Architekturfotografie Austur Medalholtum: Wo Naturgewalten dem Mensch alles abverlangen, ist Erfindungsreichtum gefragt. Besonders dann, wenn man Häuser bauen will, die Feuer und Eis trotzen können. Auf Island benutzte man dazu Torf. Denn Holz gab es nicht.

Island ist eine Insel der Extreme. Feuer und Eis bestimmen seit jeher das Leben der Inselbewohner. Geysire, Thermalquelle und Lavafelder bestimmen die Landschaft, Gletscher und Vulkane formen das Land noch heute in einem fortwährenden Prozess. Die größte Vulkaninsel der Erde befindet sich knapp südlich des nördlichen Polarkreises, zwischen Grönland und Norwegen. Aufgrund seiner isolierten Lage inmitten des Eismeeres war Island lange Zeit von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten. Erst im 9. Jahrhundert nach Christus wurde es von Wikingern entdeckt und besiedelt. Doch Rohstoffe waren schon damals knapp. Zwar war die Insel zu dieser Zeit noch weitgehend von Wäldern bedeckt, doch bestanden diese hauptsächlich aus Birken, deren weiches Holz sich weder zum Haus- noch zum Schiffsbau eignete. Die Siedler mussten daher andere Rohstoffe erschließen um den neugewonnenen Lebensraum urbar zu machen. Und Not macht bekanntlich erfinderisch.

Not macht erfinderisch

Brauchbares Holz für den Hausbau war auf Island Mangelware. Auch der Handel auf dem Seeweg konnte daran nichts ändern, da das wenige Importholz meist für den Kirchen – oder Schiffsbau verwendet wurde. Für Profanbauten wie Wohnhäuser musste man daher auf andere Ressourcen zurückgreifen. Als hervorragender Baustoff erwies sich Torf, der zudem vergleichsweise im Überfluss vorhanden war. Die organischen Sedimente konnten in getrocknetem Zustand gut verarbeitet werden. Für den Hausbau wurde zunächst ein Fundament aus flachen Steinen gelegt. Darauf wurde ein Gerüst errichtet, in das dann Torfblöcke zweischichtig oder in einem Fischgrätmuster eingepasst wurden. Nur Türen und Fenster blieben von außen als Holzelemente sichtbar. Stabilisiert wurden die Außenseiten meist mit mittelgroßen Felsblöcken oder Lavabrocken. Anschließend ließ man buchstäblich Gras über die Häuser wachsen. Die Torfhäuser erinnern deshalb an die Hobbitbehausungen in J. R. R. Tolkiens Auenland in ‚Herr der Ringe‘. Die Innenräume hingegen waren mit Holz verkleidet, sodass gemütliche Stuben entstanden. Im 18. Jahrhundert wurden die einfachen Hausformen weiterentwickelt. Hölzerne Fronten an beiden Enden dominierten nun das Bild des Isländischen Hauses. Diese sogenannten „burstabær“ gelten heute noch als typisch für Island. Erst im 20. Jahrhundert wurde diese traditionelle Bauweise schließlich durch moderne Materialien abgelöst. Wellblech und Stahlbeton versprachen eine höhere Erdbebensicherheit als Stein und Torf. Leider fiel ein Großteil der Torfsiedlungen in der Vergangenheit den Naturgewalten zum Opfer, sodass heute nur noch wenige Exemplare in ihrer ursprünglichen Form besichtigt werden können. Fast alle noch übrigen Torfhäuser- und Kirchen gehören heute der Historischen Bauwerkssammlung des Isländischen Nationalmuseums – Þjóðminjasafn Íslands.

Torf-Erlebniswelt im Isländischen Hochland

Um das kulturelle Erbe der einstigen Baukultur Islands lebendig zu halten, kaufte der Landwirt und Künstler Hannes Lárusson einen Torf-Bauernhof in Austur-Meðalholtum im Süden Islands. In einem kleinen Wäldchen verstecken sich insgesamt acht Gebäude, vier Häuser eine Scheune und drei Ställe. Der Bauernhof war im 19. Jahrhundert erbaut worden und hatte, anders als umliegende Gehöfte, das große Erdbeben des Jahres 1896 nahezu unbeschadet überstanden. Erst 1965 wurde der Hof dann aufgegeben. Nachdem die Gebäude 20 Jahre lang sich selbst überlassen waren, machten sich Bauern und Fachleuten daran, die Überreste originalgetreu zu restaurieren.  Heute zählt die Farm zählt zu den am besten erhaltenen Torffarmen Islands und dient als Heimatmuseum und Stätte für Kunst und Ausstellungen. Die Häuser können besichtigt werden und geben einen Einblick in das Leben und Arbeiten im Island der vergangenen zwei Jahrhunderte. Angeboten werden außerdem Seminare über die traditionelle Torfbauweise und Kurse für ein ökologisches Leben.

Torf: vielseitig und umstritten 

Doch Bauen mit Torf gehört keineswegs der Vergangenheit an. Im Gegenteil. Heute wird der natürliche Rohstoff für seine vielseitigen Eigenschaft wieder enorm wertgeschätzt. Torf wirkt fungizid, Strahlen absorbierend und weist erstklassige Dämmwerte auf. Wie auch Ziegel kann er Wasser aufnehmen und wieder abgeben, weshalb er sich als Isoliermaterial zum Bauen hervorragend eignet. Da er völlig ohne chemische Zusatzstoffe auskommt, emittiert er keine Schadstoffe und ist auch für Allergiker als wohngesunder Baustoff geeignet. Kleintiere und Insekten meiden den Torf hingegen, sodass ein Schädlingsbefall ausbleibt. Trotz seiner vielen positiven Eigenschaften ist Torf jedoch auch umstritten. Da Torf ausschließlich in Mooren entsteht, wird mit seinem Abbau wertvoller Lebensraum für seltene Tier- und Pflanzenarten zerstört. Da die Feuchtgebiete zur Torfgewinnung entwässert werden müssen, entweicht zudem im Boden gespeichertes Kohlenstoffdioxid und belastet zusätzlich das Klima. In Deutschland werden deshalb keine intakten Moore mehr abgebaut, sondern vornehmlich bereits in der Vergangenheit trockengelegte ehemalige Moore als Torflagerstätten genutzt. Doch die tatsächliche Herkunft lässt sich meist nur schwer nachvollziehen. Der verantwortungsvollste Umgang mit Torf ist daher sicherlich, die noch verbliebenen „burstabær“ auf Island zu bewundern.

Das Architekturfotografie-Projekt ist in Rahmen einer BAUWERK Denkmaldokumentation entstanden.

Architekturfotografie Torfhaus Austur Medalholtum

Architekturfotografie Torfhaus Austur Medalholtum

Architekturfotografie Torfhaus Austur Medalholtum

Architekturfotografie Torfhaus Austur Medalholtum

Architekturfotografie Torfhaus Austur Medalholtum

Architekturfotografie Torfhaus Austur Medalholtum

Architekturfotografie Torfhaus Austur Medalholtum

Architekturfotografie Torfhaus Austur Medalholtum

Architekturfotografie Torfhaus Austur Medalholtum

Architekturfotografie Torfhaus Austur Medalholtum

Architekturfotografie Torfhaus Austur Medalholtum

Architekturfotografie Torfhaus Austur Medalholtum

Architekturfotografie Torfhaus Austur Medalholtum