Herz Jesu Kirche München

Architekturfotografie Herz Jesu Kirche München

Architekturfotografie München: Die katholische Pfarrkirche Herz Jesu in München-Neuhausen hat eine lange und bewegte Geschichte. Oder besser gesagt: sie hat drei Geschichten. Denn inzwischen ist es bereits der dritte Kirchenbau, der in der Lachnerstraße neu errichtet wurde.

 

Im Jahr 1890 wurde die damals erbaute Herz Jesu Kirche zum ersten Mal geweiht. 1944 brannte sie durch einen Bombenangriff fast vollständig ab. Nur der Tabernakel und die vier spätgotischen Altarflügelreliefs aus dem Umkreis von Michel Erhart blieben erhalten. Nach Kriegsende wurde sie durch den Architekten Friedrich Haindl neu gestaltet. Teile des ehemaligen Kino- und Theatersaals der SS-Wachmannschaften Adolf Hitlers vom Obersalzberg wurden in dieser „Notkirche“ verbaut. Doch 1994 vernichtete aus ungeklärter Ursache erneut ein Brand die Pfarrkirche. Lediglich das Knappe-Kruzifix, zwei Farbfenster von Seewald und die drei Bronzetüren von Mikorey überdauerten die Brandkatastrophe.

Neubau ohne Kompromisse

Schnell war klar, dass die Kirche ein zweites Mal wieder auferstehen sollte. Da jedoch beide Vorgängerkirchen aus zweitverwendeten Holzkonstruktionen bestanden hatten, die keinen Platz für einen Turm oder einen Vorplatz ließen, wollte man mit dem Neubau alte Defizite beheben und eine eigens für diesen Ort geplantes Gotteshaus ohne Kompromisse entstehen lassen. In jedem Fall sollte jedoch die bestehende Musiktradition im neuen Kirchenbau fortbestehen können. Nachdem im Jahr 1996 ein Wettbewerb ausgelobt worden war, den die Allmann Sattler Wappner Architekten für sich entschieden hatten, konnte dank Spenden rasch mit dem Neubau begonnen werden. Nach einer Bauzeit von rund drei Jahren wurde die dritte Herz Jesu Kirche im Jahr 2000 feierlich eingeweiht und ist seitdem eine der am häufigsten besuchten Kirchen Münchens.

Stahl und Glas bilden die Grundkonstruktion

Die Grundkonstruktion der Kirche besteht aus einem Stahlskelett mit abgehängter Glasfassade. Insgesamt umfasst die Gebäudekubatur einen Quader von 16 Metern Höhe, 21 Metern Breite und 48 Meter Länge. Rechtwinklig zueinander montierte Stahlträger bilden auf jeder Längsseite 14 gläserne Quader in der Länge sowie neun in der Höhe. Während die Glaselemente im Eingangsbereich völlig durchsichtig sind und so den Blick auf den Kirchenvorraum freigeben, werden sie im Verlauf nach hinten zunehmend opak, sodass sich eine schützende Intimität um den dahinter gelegenen Altarbereich legt. Innerhalb dieses gläsernen Sarkophages befindet sich, durch einen umlaufenden Kreuzweg getrennt, ein weiterer Kubus. Ohne die Außenhülle zu berühren besteht er aus 2.000 senkrecht stehenden Ahornlamellen. Abhängig vom Sonnenstand fällt Licht ein, das durch die metamorphe Transluzenz der Glasfassade erst hart und dann zunehmend weich gebrochen wird, wobei die Helligkeit zum Altar hin kontinuierlich zunimmt. Die vier Wände des inneren Kubus wurden je in einem spaltbreit Abstand zueinander aufgestellt, sodass sie als freistehende Scheiben erscheinen. Selbst die Decke scheint, getragen von Licht, zu schweben, da sie die Innenwände nicht berührt. Im inneren Kubus fällt der Boden zum Altar hin ab, wodurch ein einladendes Gefühl der Geborgenheit erreicht wird und gleichzeitig der Blick zum Mittel- und Fixpunkt des liturgischen Raumes geführt wird. Die Bereiche um das Altarpodest wurden variabel konzipiert, sodass sie den jeweiligen Messfeiern angepasst nutzbar sind. Der Kirchturm wurde als freistehende Campanile dem Kirchenschiff vorgelagert, wo er einen Akzent als senkrechter Kubus setzt.

Raum und Licht

Obwohl die Innenraumgestaltung modernen Formen folgt ist das herkömmliche Konzept der Wegekirche erkennbar. Die Versammlung des Gottesdienstes blickt nach vorne auf den Altarraum. Licht und Raumkonzept unterstützen diese Orientierung. Während die hölzernen Innenwände eine helle, transluzente Struktur haben ist die Rückwand des Kirchengestühls dunkel, der Hintergrund des Emporenkastens sogar schwarz, was den silbernen Orgelprospekt in seiner Erscheinung unterstreicht. Als Raumabschluss für die Altarseite schuf das Künstlerpaar Lutzenberger + Lutzenberger einen wandhohen, metallgewebten Vorhang aus Tombak. Da er an einigen Stellen dichter gewebt ist, erscheint auf ihm ein je nach Lichteinfall helles oder dunkles Kreuz. Auch der Bodenbelag nimmt das Umgebungslicht auf und reflektiert es mit seiner geschliffenen Oberfläche aus Naturstein in den Kirchenraum. „Die Verehrung der Fünf Wunden“, entworfen vom Münchner Künstlerduo M+M, wurde im Kirchenboden eingelassen. Der um den inneren Kubus gelegte Kreuzweg wurde vom Künstlers Matthias Wähner ausgearbeitet. Schwarzweißfotografien der Via Dolorosa in Jerusalem illustrieren die verschiedenen Stationen der Leiden Jesu. Die Orgelempore, konzipiert von Anna Leonie, befindet sich auf der Eingangsseite der Herz Jesu Kirche, wo sie auf acht Säulen über dem Altarraum thront und als Kastenraum aus Beton einen zusätzlichen Innenkubus bildet. Unter diesem hindurch betreten Besucher den Innenraum der Kirche. Die Orgel selbst stammt aus der Werkstatt des Marburger Orgelbauers Gerald Woehl und wurde im Jahr 2004 fertiggestellt. Durch die kastenartige Einfassung sollte nicht nur eine besondere Raumwirkung erzielt, sondern auch die Akustik verbessert werden. So entstand ein Resonanzraum, der ein sichtbares Orgelgehäuse obsolet machte und dennoch eine Prospektgestaltung in Form eines Freipfeifenprospektes ermöglichte.

Himmelspforte statt Kirchentor

Doch nicht nur die Raumwirkung, Lichtregie und Akustik der Herz Jesu Kirche suchen ihresgleichen. Auch die Gebäudefront dürfte weltweit einzigartig sein. Denn sie besteht fast vollständig aus zwei großen Portalflügeln, die sich gänzlich öffnen lassen um wie eine Himmelspforte den Blick auf den innenliegenden zweiten Baukörper freizugeben. Ist das Portal geöffnet, löst sich der Vorraum auf und der innenliegende Kubus wird zur Außenfassade. Sind die Tore geschlossen, besteht die Vorderseite des Kubus aus 24 mal 18 Quadraten, die wiederum aus kleinen Quadraten bestehen. Auf ihnen befinden sich Muster aus stilisierten weißen Nägeln. Alexander Beleschenko kodierte mit ihnen, in Anlehnung an die Keilschrift, in wiederkehrender Form die Passionsgeschichte Christi nach dem Johannes-Evangelium. Durch eine zweite Glasschicht, diesmal mit blauen Nägeln auf durchsichtigem Glas, erscheinen einige Teile der Fläche in einem dunkleren Blau und bilden ein schemenhaftes hellblaues Kreuz in der sonst dunkelblauen Glasfront. Doch das überdimensionale Doppelportal öffnet sich nur an hohen Feiertagen. Zu allen anderen Zeiten bilden zwei in die Außenfront eingelassene Schlupftüren den Zugang zur Kirche.

Ein Ort der Transzendenz

Die ausgeklügelte bauliche Struktur macht aus dem physischen Raum eine metaphysische Ebene sinnlicher Erfahrung und Transzendenz. Durch eine gezielte Lichtregie sowie den Einsatz hochmoderner Technik entsteht die Wirkung entmaterialisierter Architektur. Räume lösen sich ineinander auf und lassen den Betrachter mit der Umgebung verschmelzen. Grenzüberschreitung, Verwandlung und Transformation sind hier Programm und versinnbildlichen so die Auferstehung Christi. So besteht das gesamte Kirchengebäude aus zwei voneinander getrennten Hüllen unterschiedlicher Materialität. Außen und Innen werden vom klar definierten Raum zu einer metamorphen Seinsebene. Eine diffuse Helligkeit durchdringt nach innen hin zunehmend den Kirchenraum und kumuliert um den Altar, wo sie an die Erscheinung Jesu nach dessen Auferstehung erinnert. Nicht umsonst war die Resonanz auf die neue Großstadtkirche enorm, denn der Neubau geht weit über das hinaus, was üblicherweise als „Kirche“ erfahrbar ist.

Das Architekturfotografie-Projekt wurde im Rahmen einer BAUWERK-Dokumentation erstellt.

Architekturfotografie Herz Jesu Kirche München

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Weitere Informationen zum Architekturfotografie-Projekt:

Herz Jesu Kirche München bei faz.net
Herz Jesu Kirche München bei Erzbistum München