
Architekturfotografie Hotel Intercontinental Davos | Gerd Schaller | BAUWERK PERSPEKTIVEN
Hotel Intercontinental: Das goldene Ei am Rand von Davos
Das heutige AlpenGold Hotel in Davos, 2013 als InterContinental eröffnet, gehört zu den auffälligsten Hotelbauten der jüngeren Schweizer Alpenarchitektur. Entworfen von OIKIOS um Oliver Hofmeister, steht der ovale Baukörper am ehemaligen Standort der Basler Heilstätte und übersetzt die Idee alpiner Kompaktheit in eine technisch hochkomplexe Metallhülle. Zwischen Landmarke, Landschaftseingriff und parametrischer Fassadenkonstruktion erzählt das Gebäude weniger von Anpassung als von der Frage, wie viel Fremdheit ein alpiner Ort verträgt.
Am nordöstlichen Rand von Davos, dort, wo sich der Ort in Richtung Flüelapass öffnet und die touristische Stadt allmählich in Landschaft übergeht, liegt ein Bau, der sich jeder schnellen Einordnung entzieht. Das heutige AlpenGold Hotel, 2013 als InterContinental eröffnet, ist weder Chalet noch klassischer Grandhotelbau, weder Sanatoriumsnachfolger im historischen Sinn noch anonyme Kongressmaschine. Es steht auf einer leicht erhöhten Terrasse am Fuss des Seehorns und wirkt, je nach Blickwinkel, wie ein gelandeter Körper, ein geschuppter Zapfen, ein technisches Artefakt oder jenes Bild, das der Volksmund rasch fand: ein goldenes Ei.
Diese Bezeichnung ist verführerisch, aber sie verkürzt. Denn die eigentliche architektonische Spannung des Hauses liegt nicht allein in seiner Exzentrik, sondern in der Ambivalenz seiner Setzung. Der Bau steht an einem Ort, der lange von der Geschichte des Heilklimas geprägt war. Hier befand sich die Basler Heilstätte für Brustkranke, 1896 gegründet und später als Basler Höhenklinik bekannt; sie wurde 1985 geschlossen, 2007 abgebrochen und machte schliesslich dem Hotelneubau Platz. Die Baslerstrasse erinnert noch an diese Vorgeschichte. Das neue Hotel übernimmt von der alten Anlage nicht deren soziale Idee, wohl aber eine topografische Logik: die erhöhte, nach Süden orientierte Lage, das Verhältnis von Sonne, Aussicht und Distanz zum Talboden.

Entworfen wurde das Hotel von OIKIOS, dem Münchner Büro des Architekten Oliver Hofmeister. In der Entwicklungsgeschichte spielte ein früher Entwurf von Matteo Thun eine Rolle; die realisierte Fassung erhielt jedoch durch OIKIOS ihre prägende Gestalt und vor allem ihre diagonal gegliederte Metallhülle. Der Neubau reagierte auf eine schwierige Ausgangsfrage: Wie lässt sich ein grosses Hotelprogramm in einer sensiblen alpinen Landschaft unterbringen, ohne es in viele kleinere Baukörper zu zerlegen und damit den Hang weiter zu besetzen? Die Antwort war kein Zurücknehmen, sondern Verdichten. Statt das Volumen zu verstecken, wurde es zu einer kompakten, beinahe massstabslosen Figur geformt.
Gerade darin liegt die Kontroverse und zugleich die architektonische Qualität des Hauses. Es sucht nicht die mimetische Tarnung im alpinen Kontext. Es kopiert keine regionalen Dachformen, keine hölzernen Balkone, keine vertrauten Fassadenrhythmen. Der Bau verweigert die Folklore. Seine ovale Silhouette stellt sich quer zu den rechtwinkligen Ordnungen von Davos, zu Strasse, Hang, Nachbarbebauung und Hotelerwartung. Vor den vorgelagerten, niedrigeren Wohnbauten wirkt das Hauptgebäude umso plastischer: ein gerundeter Körper hinter liegenden Quadern, ein Solitär, der sich weniger in eine Zeile einfügt als eine eigene Figur bildet.
Die Fassade ist dabei nicht Oberfläche im dekorativen Sinn, sondern der eigentliche architektonische Apparat. Die goldfarben schimmernde Hülle besteht aus wellenförmig gefügten Metallelementen, deren Diagonalen die üblichen horizontalen und vertikalen Raster der Hotelarchitektur überlagern. In der Wahrnehmung entsteht eine bewegte, schuppenartige Struktur. Sie erinnert an einen Tannenzapfen aus dem umliegenden Wald, aber ebenso an die präzise Haut eines industriell gefertigten Objekts. Diese Doppelcodierung — Naturmotiv und Hochtechnologie — macht den Bau für Architekturfotografen besonders ergiebig: Je nach Licht, Wetter und Entfernung kippt die Fassade zwischen Matteffekt, Glanz, Relief und grafischer Zeichnung.

Konstruktiv war diese Wirkung nur mit erheblichem digitalem und handwerklichem Aufwand zu erreichen. Für die Hülle wurden 791 unterschiedliche Brüstungselemente entwickelt; zusammen mit der Dachkuppel umfasste das System mehr als 62.000 Einzelteile. Die komplexe Geometrie wurde parametrisch modelliert, unter anderem durch designtoproduction, und in Zusammenarbeit mit Fassadenspezialisten wie seele realisiert. Die Besonderheit liegt darin, dass die äussere Eiform nicht aus einem frei organischen Grundriss erwächst. Der Baukörper besitzt im Inneren eine wesentlich rationalere Struktur; erst die Hülle vermittelt zwischen orthogonalem Hotelraster, Balkonen, Belichtung, Krümmung und plastischer Gesamtfigur.
Damit gehört das Gebäude zu jenen Bauten der frühen 2010er-Jahre, in denen parametrische Planung nicht als formale Spielerei, sondern als notwendiges Übersetzungsinstrument sichtbar wird. Die Fassade muss gleichzeitig Brüstung, Balkonbegrenzung, Lichtlenkung, Wetterschicht, Bildträger und Geometrievermittler sein. Besonders interessant ist der Widerspruch zwischen der Weichheit der Erscheinung und der Härte ihrer Herstellung: Was aus der Ferne fliessend wirkt, ist aus vielen präzise berechneten, transportierten und montierten Einzelteilen zusammengesetzt. Die scheinbare Selbstverständlichkeit der Form ist das Ergebnis einer ausserordentlich kontrollierten Fertigungskette.
Im Inneren schlägt das Haus einen anderen Ton an. Während die äussere Erscheinung futuristisch gelesen werden kann, setzt die Innenarchitektur stärker auf Naturstein, Holz, warme Oberflächen und alpine Motive. Der Bruch ist bemerkenswert: Das Hotel führt seine technische Radikalität nicht konsequent nach innen fort, sondern beruhigt sie. In der Lobby wird diese Strategie exemplarisch sichtbar. Der 28 Meter lange „Wave Chandelier“ von Moritz Waldemeyer mit rund 1.400 Glaskugeln übersetzt die Landschaft nicht in rustikale Bilder, sondern in ein atmosphärisches Lichtobjekt, das an Schnee, Bewegung und Weite denken lässt.
Städtebaulich bleibt das Gebäude ein Sonderfall. Es ist zu gross, um als beiläufiger Hotelbau gelesen zu werden, und zu eigenwillig, um sich in die Davoser Bautradition einzufügen. Gerade deshalb stellt es eine relevante Frage: Muss alpine Architektur im 21. Jahrhundert zwingend über Materialvertrautheit, Massstäblichkeit und regionale Typologien vermittelt werden? Oder darf ein touristischer Grossbau seine Fremdheit offen zeigen, solange er das Volumen bündelt und die Landschaft nicht durch additive Zersiedelung weiter besetzt? Das AlpenGold Hotel beantwortet diese Frage nicht abschliessend, aber es macht sie sichtbar.
In seiner besten Lesart ist der Bau keine Geste des Spektakels, sondern ein Versuch, den Massstab eines grossen Hotelprogramms in eine einzige, lesbare Figur zu überführen. In seiner problematischeren Lesart bleibt er ein Objekt, das sich stark über Bildwirkung definiert und damit die Grenze zwischen Architektur und Signaturbau berührt. Beides gehört zu seiner Realität. Das Haus ist weder still noch selbstverständlich. Es sucht Aufmerksamkeit, aber es tut dies nicht über ornamentale Überladung, sondern über Volumen, Hülle, Licht und Fertigungspräzision.
Für Davos, einen Ort, dessen Architekturgeschichte von Sanatorien, Flachdächern, Kongressbauten, Wintersport und globaler Sichtbarkeit geprägt ist, ist dieses Hotel daher mehr als eine touristische Adresse. Es ist ein gebauter Kommentar zur Gegenwart alpiner Orte: zur Ökonomie des Events, zur Sehnsucht nach ikonischen Bildern, zur technischen Beherrschung komplexer Formen und zur Schwierigkeit, grosse Programme landschaftlich zu verantworten. Das goldene Ei liegt nicht einfach in der Bergwelt. Es befragt sie — glänzend, fremd, präzise und nicht ohne Unruhe.
