
Architekturfotografie Hotel Kulm St. Moritz | Gerd Schaller | BAUWERK PERSPEKTIVEN
Hotel Kulm St. Moritz: Architektur des alpinen Übergangs
Das Kulm Hotel in St. Moritz ist weniger ein einzelnes Gebäude als ein gewachsenes topografisches Gefüge. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hat es die Transformation des Engadiner Kurortes mitgeschrieben: vom Gasthaus zur Grandhotellerie, vom Sommeraufenthalt zum Wintersportmythos, vom historischen Bestand zum fortlaufend weitergebauten Ensemble. Architektur wird hier nicht als abgeschlossene Form sichtbar, sondern als Schichtung aus Landschaft, Technik, Repräsentation und Erinnerung.
Wer sich dem Kulm Hotel in St. Moritz nähert, begegnet keinem Solitär im klassischen Sinn. Das Haus steht nicht einfach in der Landschaft; es liegt in ihr, auf ihr, gegen sie. Sein Name verweist auf die Anhöhe, auf den topografischen Vorsprung, von dem aus sich der Blick über St. Moritz, den See und die Engadiner Bergwelt öffnet. Die Architektur des Kulm ist deshalb von Beginn an eine Architektur der Lage: des Überblicks, der Exponiertheit, der klimatischen Härte und der gesellschaftlichen Inszenierung.
Die Geschichte beginnt unspektakulär und gerade deshalb architektonisch interessant. 1856 mieteten Johannes Badrutt und seine Frau Maria Berry die Pension Faller, ein Haus mit zwölf Zimmern, das Badrutt bald „Engadiner Kulm“ nannte; 1858 kaufte er es. Aus dieser vergleichsweise kleinen Struktur entwickelte sich das erste Hotel von St. Moritz und jener Ort, an dem die Erzählung vom alpinen Wintertourismus ihren kanonischen Anfang nahm. Der bekannte Gründungsmythos, Badrutts Einladung an englische Sommergäste, den Winter im Engadin zu erproben, ist oft touristisch ausgeschmückt worden. Architektonisch betrachtet verweist er jedoch auf etwas Grundsätzlicheres: auf die Umdeutung einer Landschaft. Schnee, Kälte und Höhenlage wurden nicht länger als Hindernis gelesen, sondern als räumliches, soziales und ökonomisches Potenzial.
Das Kulm ist damit ein frühes Beispiel dafür, wie Architektur im Alpenraum nicht nur Unterkunft bietet, sondern eine neue Nutzungsform der Landschaft organisiert. Das Hotel wurde zur Schnittstelle zwischen Innenraum und Außenraum, zwischen Witterungsschutz und Naturerfahrung, zwischen Komforttechnik und alpinem Risiko. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bedeutete dies weit mehr als repräsentative Fassaden. Die Modernität solcher Häuser lag in ihrer Infrastruktur: Heizung, Lüftung, Sanitäranlagen, Aufzüge, Kommunikationsnetze. Die Grandhotellerie war ein Labor der technischen Verdichtung.
Ein entscheidender Schritt erfolgte 1886/87 mit dem Bau des Westflügels nach Plänen von Nikolaus Hartmann. Der Erweiterungsbau verband alpine Ortsbindung mit den Erwartungen eines internationalen Publikums. Zeitgenössischer Komfort wurde in eine Architektur übersetzt, die nicht als Fremdkörper in der Bergwelt erscheinen sollte. Quellen nennen für diesen Westflügel hydraulische Lifte, Warmluftheizung, moderne Wasserklosetts und elektrische Ventilationen; zugleich wurde die großzügige Hotelhalle als räumliches Zentrum eingeführt. Man kann darin eine frühe Form jener alpinen Moderne erkennen, die nicht durch formale Reduktion auffällt, sondern durch die Verbindung von Repräsentation und Gebäudetechnik.
Nikolaus Hartmanns Beitrag ist für das Verständnis des Hauses zentral. Er gehört zu jener Generation von Architekten, die den baulichen Ausdruck des Engadiner Tourismus mitprägten: nicht als reine Stilarchitektur, sondern als Vermittlung zwischen regionalem Bauen, städtischem Komfort und internationaler Erwartung. Der Westflügel des Kulm formulierte einen Maßstab für ein Grandhotel, das opulent sein durfte, ohne die topografische Situation vollständig zu übertönen. Das ist eine fragile Balance. Denn Grandhotels in den Alpen stehen immer unter dem Verdacht, die Landschaft zu besetzen. Das Kulm zeigt eher, wie eine solche Besetzung über Jahrzehnte hinweg in eine Art bauliches Gedächtnis übergehen kann.
Dieses Gedächtnis ist nicht homogen. Gerade darin liegt seine architektonische Qualität. Das Kulm ist kein reines Denkmal einer Epoche, sondern ein Ensemble aus Anbauten, Umbauten, Interieurs, Sportanlagen und landschaftlichen Räumen. Seine Geschichte lässt sich nicht entlang einer einzigen Fassade erzählen. Sie liegt in Übergängen: vom Altbau zum Westflügel, von der Hotelhalle zu den Zimmertrakten, vom Park zum Eisfeld, von der gesellschaftlichen Lobby zur sportlichen Infrastruktur.
Besonders deutlich wird dies am Kulm Eispavillon. Der 1905 errichtete Bau war mit den Olympischen Winterspielen von 1928 und 1948 verbunden und verfiel später über lange Zeit. Foster + Partners restaurierten und erweiterten ihn als Kulm Country Club; das Projekt zielte darauf, das historische Gebäude wieder auf den Eislaufplatz auszurichten und neue Nutzungen wie Restaurant, Sonnenterrasse und Veranstaltungsräume einzufügen. Interessant ist hier weniger der prominente Name des Architekten als die Haltung der Intervention: Das Neue tritt nicht als autonome Geste auf, sondern als Reparatur einer verlorenen Beziehung zwischen Gebäude, Sportfläche und Öffentlichkeit.
Der Eispavillon macht sichtbar, was für das gesamte Kulm gilt: Die Architektur ist eng mit Bewegung verbunden. Schlitten, Bob, Eis, Golf, Promenade, Ankunft, Aussicht – das Haus hat seine Räume immer auch aus Praktiken entwickelt. Die Umgebung des Hotels war nicht bloße Kulisse, sondern Teil eines räumlichen Systems. 1904 wurde auf dem Gelände des Kulm der Olympia Bob Run eröffnet, der bis heute als historisch bedeutende Natureisbahn gilt. Solche Anlagen erweitern den Architekturbegriff. Sie zeigen, dass ein Grandhotel nicht nur aus Mauern, Dächern und Interieurs besteht, sondern auch aus Terrains, Bahnen, Blickachsen und saisonalen Atmosphären.
Für Architekturfotografen liegt hier eine besondere Herausforderung. Das Kulm lässt sich kaum in einem einzigen ikonischen Bild fassen. Es verlangt nach Sequenzen: nach dem schweren Körper des historischen Hotels im alpinen Licht, nach der Tiefenstaffelung von Fassaden und Dächern, nach dem Verhältnis von Schnee und Mauerwerk, von Holz und Glas, von Innenlicht und winterlicher Dämmerung. Interessant sind nicht nur die repräsentativen Räume, sondern auch die Schwellen: Eingänge, Korridore, Treppen, Terrassen, Übergänge zum Park. Dort zeigt sich, wie das Haus die Landschaft filtert, rahmt und domestiziert.
Auch die Innenräume gehören zu dieser Lesart. Sie sind nicht einfach Dekor, sondern Ausdruck wechselnder Vorstellungen von Gastlichkeit. Die Lobby, später unter anderem durch den italienischen Designer Renzo Mongiardino in den 1990er Jahren neu geprägt, steht für eine Form des Interieurs, die Dichte, Ornament und Materialinszenierung nicht scheut. In einer Zeit, in der viele Hotelumbauten auf austauschbare Zurückhaltung setzen, besitzt diese räumliche Fülle eine fast widerständige Qualität. Sie erinnert daran, dass Grandhotels nicht aus neutralen Flächen bestehen, sondern aus atmosphärischen Ordnungen.
Gleichzeitig steht das Kulm erneut vor einer Phase tiefgreifender Veränderung. 2025 wurde ein Masterplan angekündigt, der unter Leitung von Foster + Partners in den kommenden Jahren öffentliche Bereiche, Eingangssituation und historische Lobby Lounge weiterentwickeln soll; genannt wird ein Investitionsvolumen von 125 Millionen Schweizer Franken. Für ein Haus dieser Geschichte ist das keine bloße Modernisierung. Es ist eine Prüfung. Jede Intervention muss entscheiden, welche Schichten lesbar bleiben, welche ergänzt werden und wo Gegenwart sichtbar werden darf, ohne Geschichte zu dekorieren.
Der Reiz des Kulm liegt gerade darin, dass es keine einfache architektonische Antwort gibt. Als Bauwerk ist es zu gewachsen, zu aufgeladen, zu sehr Teil einer Ortsbiografie. Seine Bedeutung entsteht nicht allein aus gestalterischer Autorschaft, sondern aus Dauer. Das Haus hat technische Innovation aufgenommen, gesellschaftliche Rituale erzeugt, Sportgeschichte begleitet und sich immer wieder neuen Komfortvorstellungen angepasst. Darin unterscheidet es sich von vielen jüngeren alpinen Hotelbauten, die ihre Identität oft über eine einzelne starke Form behaupten.
Das Kulm Hotel ist ein Bauwerk des Übergangs: zwischen Gasthaus und Grandhotel, zwischen Region und Weltpublikum, zwischen Bestand und Weiterbau, zwischen Landschaftserfahrung und sozialer Choreografie. Seine Architektur erzählt nicht von alpiner Ursprünglichkeit, sondern von der kulturellen Konstruktion des Alpinen. Sie zeigt, wie ein Ort durch Gebäude, Technik, Bilder und Rituale überhaupt erst zu jenem Mythos wird, den man später für selbstverständlich hält.
In St. Moritz steht das Kulm deshalb nicht nur als historisches Hotel. Es steht als räumliches Archiv einer Erfindung. Wer es fotografiert oder beschreibt, sollte weniger nach der einen perfekten Ansicht suchen als nach den Spuren seiner Schichtung: nach dem Verhältnis von Hang und Halle, von Fassade und Wetter, von sportlicher Infrastruktur und repräsentativem Innenraum. Gerade dort, wo das Haus nicht eindeutig ist, wird es architektonisch interessant.
