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Dachau / Deutschland

Wohnhaus Arual Diepold

Lorenz Architekten

Architekturfotografie Wohn- und Geschäftshaus Diepold Dachau | Gerd Schaller | BAUWERK PERSPEKTIVEN

Architekturfotografie Wohn- und Geschäftshaus Diepold Dachau | Gerd Schaller | BAUWERK PERSPEKTIVEN

Wohnbau Diepold Dachau: Schillerstraße mit weicher Kante

Ein Wohn- und Geschäftshaus in Dachau zeigt, wie sich monolithischer Ziegelbau, präzises Handwerk und eine zurückhaltende urbane Präsenz verbinden lassen. Hinter der weißen Putzfassade steht kein spektakulärer Gestus, sondern eine Architektur, die ihre Besonderheit aus Maß, Material und Ausführung gewinnt: aus gerundeten Mauerecken, einem transparenten Erdgeschoss und dem Versuch, Wohn- und Arbeitsräume in einem heterogenen Straßenzug selbstverständlich zusammenzuführen.

Die Schillerstraße in Dachau ist keine Bühne für architektonische Selbstbehauptung. Sie ist eher ein gewöhnlicher Stadtraum, geprägt von offener Bebauung, Ein- und Mehrfamilienhäusern, unterschiedlichen Dachformen, Nachkriegsbestand, Ergänzungen, Umbauten. Gerade in solchen Lagen entscheidet sich oft, ob ein Neubau Stadt weiterbaut – oder nur ein Grundstück besetzt. Das Wohn- und Geschäftshaus an der Schillerstraße 12 wählt den ruhigeren Weg. Es sucht nicht den Bruch, aber auch nicht die Anpassung um jeden Preis. Es setzt auf eine helle, präzise gesetzte Körperlichkeit, auf klare Öffnungen und auf jene gerundeten Gebäudekanten, die dem Bau seine eigentümliche Spannung geben. Die Projektdaten nennen eine Bauzeit von 17 Monaten, Fertigstellung 2022, acht Wohneinheiten und eine Gewerbeeinheit auf insgesamt rund 750 Quadratmetern Wohn- und Nutzfläche.

Architekturfotografie Wohn- und Geschäftshaus Diepold Dachau | Gerd Schaller | BAUWERK PERSPEKTIVEN

Von der Straße aus erscheint der Bau zunächst als weiß verputzter, kompakter Stadtbaustein. Das Erdgeschoss ist weitgehend verglast und nimmt dem Volumen seine Schwere. Darüber liegen drei Wohngeschosse, das oberste als Staffelgeschoss ausgebildet. Diese Gliederung ist vertraut, fast klassisch: Sockel, Körper, Rücksprung. Doch die abgerundeten Ecken verschieben die Wahrnehmung. Sie lassen die Fassade weniger als plane Scheibe erscheinen, sondern als plastische Hülle. Der Bau wirkt dadurch nicht weich im dekorativen Sinn, sondern kontrolliert modelliert – als wäre die Massivität des Ziegels an den entscheidenden Stellen in Bewegung geraten.

Architekturfotografie Wohn- und Geschäftshaus Diepold Dachau | Gerd Schaller | BAUWERK PERSPEKTIVEN

Interessant ist dabei weniger die Form allein als ihre Herstellung. Die Rundungen wurden nicht als beliebiger Fassadeneffekt vor eine Konstruktion gesetzt, sondern aus dem Mauerwerk entwickelt. Die Außenwände bestehen aus 36,5 Zentimeter starken Wärmedämmziegeln; die gerundeten Partien wurden aus individuell zugeschnittenen Steinen gemauert. Schablonen aus den digitalen Planungsdaten halfen dabei, die Radien Stein für Stein zu übertragen. In einer Baukultur, die Rundungen oft über Sonderbauteile, Verkleidungen oder Systemlösungen erzeugt, bekommt dieser Vorgang fast etwas Anachronistisches: CAD-Daten treffen auf Maurerhandwerk, digitale Präzision auf körperliche Arbeit. Die PDF-Objektreportage beschreibt diese Ausführung als Schichtung einzelner, winklig geschnittener Ziegel, die so versetzt wurden, dass die Rundung lageweise entsteht.

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Gerade darin liegt die architektonische Qualität des Hauses. Es ist kein Haus, das seine Nachhaltigkeit über eine demonstrative Materialästhetik ausstellt. Der Ziegel bleibt unter Putz verborgen. Sichtbar wird nicht das Material selbst, sondern seine Wirkung: Wandstärke, tiefe Laibungen, ruhige Flächen, ein geschlossenes, dennoch nicht schwerfälliges Volumen. Die weiße Putzhaut nivelliert die Konstruktion nicht vollständig; sie macht sie lesbar über Proportion und Geometrie. Die schmalen, bodentiefen Fenster sitzen wie präzise Einschnitte in der Fassade. Dunkle Rahmen und Natursteinlaibungen setzen kontrollierte Kontraste. Zusammen mit dem verglasten Erdgeschoss entsteht ein Bau, der zwischen Wohnhaus, Bürohaus und kleinem urbanem Solitär vermittelt.

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Die Genehmigungsplanung stammt von Lorenz Architekten aus Hilgertshausen; die Ausführungsplanung wird Raffael Diepold beziehungsweise der Diepold GmbH & Co. Bauunternehmung KG zugeordnet. Bauherrin ist Laura Diepold. Das Gebäude dient als Firmenzentrale der Diepold GmbH & Co. Bauunternehmung KG und der Arual Wohnbau GmbH und nimmt zugleich Mietwohnungen auf. Damit trägt es eine doppelte Funktion: Es ist Arbeitsort und Wohnort, Adresse und Alltagsgebäude.

Im Inneren setzt sich diese Doppelrolle fort. Die Fotografien zeigen helle Büroräume, Sichtbetonflächen, Glasabtrennungen, Holzoberflächen und Wohnräume, die auf Zurückhaltung und Materialklarheit setzen. Besonders die Übergänge sind interessant: Beton, Glas und Holz werden nicht zu einer lauten Materialcollage, sondern zu einer sachlichen Atmosphäre verbunden. Das Treppenhaus erscheint mit rohen Wandflächen und klaren Linien fast infrastrukturell; die Wohnungen dagegen gewinnen über Holzböden, große Öffnungen und reduzierte Details eine ruhigere Häuslichkeit. Auf der Projektseite von BAUWERK PERSPEKTIVEN ist das Objekt als „Wohnhaus Arual Diepold“ in Dachau dokumentiert; die Architekturfotografie wird dort Gerd Schaller zugeschrieben.

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Konstruktiv handelt es sich um einen Massivbau mit Lochfassade. Decken, Wohnungs- und Treppenhauswände bestehen aus Stahlbeton, nichttragende Innenwände überwiegend aus Ziegelkonstruktionen, teils ergänzt durch Trockenbau. Das Erdgeschoss ist als dreifach verglaste Aluminium-Pfosten-Riegel-Konstruktion ausgeführt. Der energetische Anspruch folgt dem Standard KfW-Effizienzhaus 55; ergänzt wird die Gebäudehülle durch Haustechnik mit Grundwasserwärmepumpe, Lüftung mit Wärmerückgewinnung, Gebäudekühlung, Photovoltaik und E-Lademöglichkeit. Der dokumentierte Primärenergiebedarf liegt bei 32 kWh/m².

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Bemerkenswert ist, dass die technische Leistungsfähigkeit nicht gegen die architektonische Einfachheit ausgespielt wird. Der monolithische Wandaufbau kommt ohne zusätzliche Außendämmung aus; der verwendete Ziegel erreicht laut Projektdaten bei 36,5 Zentimetern Wandstärke einen U-Wert von 0,21 W/m²K. Auch die Ausführungsqualität wird über Messwerte greifbar: Der Blower-Door-Test ergab eine Luftwechselrate von n50 = 0,53 1/h. Beim Schallschutz wurden erhöhte Anforderungen nach DIN 4109-5 vereinbart; die gemessenen Werte der untersuchten Wohnungstrennwand und Wohnungstrenndecken erfüllten beziehungsweise übertrafen diese Anforderungen. Solche Zahlen sind trocken, aber sie erzählen etwas Wesentliches über das Gebäude: Seine Qualität liegt nicht nur in der Ansicht, sondern in den unsichtbaren Schichten der Planung und Ausführung.

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Das Haus an der Schillerstraße ist damit kein ikonisches Einzelstück im klassischen Sinn. Es besitzt keine dramatische Silhouette, keinen spektakulären Ausblick, keine große öffentliche Geste. Seine Ambition liegt in einem kleineren, vielleicht wichtigeren Maßstab: in der Frage, wie ein alltägliches Wohn- und Geschäftshaus heute gebaut werden kann, ohne in Beliebigkeit zu fallen. Es zeigt, dass Massivbau nicht zwangsläufig schwer wirken muss, dass Energieeffizienz nicht zur technischen Fassade werden muss und dass Handwerk nicht nostalgisch sein muss, wenn es präzise in einen zeitgenössischen Entwurf eingebunden wird.

Architekturfotografie Wohn- und Geschäftshaus Diepold Dachau | Gerd Schaller | BAUWERK PERSPEKTIVEN

Für Architekturfotografen bietet der Bau gerade deshalb ein interessantes Motiv. Er lebt von Kanten, Schatten, Reflexionen und Radien; von der Spannung zwischen gläsernem Erdgeschoss und geschlossener Putzfläche; von der Frage, wie eine weiße Fassade im Tagesverlauf ihre Plastizität verändert. Für Bauingenieure und Planer liegt die Aufmerksamkeit eher in der Verbindung aus Ziegel, Stahlbeton, energetischer Gebäudehülle und sauberer Detailausbildung. Und für Architekturinteressierte bleibt vielleicht vor allem dieser Eindruck: Ein Haus muss nicht laut sein, um eine Haltung zu zeigen. Manchmal genügt eine Mauer, die an der richtigen Stelle nicht abbricht, sondern eine Kurve nimmt.